165 Teilnehmende, zwei Tage und ein gemeinsames Ziel: Wissen teilen, Innovationen voranbringen und die nächste Generation kerntechnischer Fachkräfte stärken. Am 29. und 30. September 2026 fand am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die dritte KERNTec statt. Die Konferenz brachte Fachleute aus Industrie, Wissenschaft, Forschung und öffentlichen Institutionen sowie zahlreiche junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen.
Das Programm spiegelte die Vielfalt der modernen Kerntechnik wider. Von fortschrittlichen Reaktorkonzepten und künstlicher Intelligenz über nukleare Sicherheit und Rückbau bis hin zur Entsorgung radioaktiver Abfälle bot die KERNTec Einblicke in aktuelle Forschung, technologische Entwicklungen und industrielle Anwendungen.
In ihren Eröffnungsworten unterstrichen Frank Apel und Nicole Koch die Bedeutung fachlicher Weiterbildung und des Austauschs zwischen Forschung und Industrie. Ein besonderes Anliegen war es, erfahrene Expertinnen und Experten mit dem kerntechnischen Nachwuchs zu vernetzen. Denn der langfristige Erhalt und die Weiterentwicklung kerntechnischer Kompetenz setzen voraus, dass Wissen geteilt, Erfahrungen weitergegeben und neue Perspektiven eingebunden werden.
Internationale Entwicklungen: Neue Perspektiven für die Kerntechnik
Die Session „International Developments“ verdeutlichte die Bandbreite aktueller kerntechnischer Forschung und technologischer Anwendungen.
Dr. Kevin Dieter (Becker Technologies) präsentierte experimentelle Untersuchungen an der THAI-Versuchsanlage zur Reaktorsicherheit. Wilfried Hahn (Copenhagen Atomics) stellte den Entwicklungsstand des Thorium-Flüssigsalzreaktors seines Unternehmens vor.
Prof. Dr. Jörg Starflinger (Universität Stuttgart) widmete sich Sicherheitsanalysen für Micro Modular Reactors, die künftig im Weltraum eingesetzt werden könnten. Sven Wegener (Framatome) beleuchtete Entwicklungen in der Nuklearmedizin und die Herausforderungen einer zuverlässigen Versorgung mit medizinischen Isotopen.
Von künstlicher Intelligenz bis zu schwimmenden Kernkraftwerken
Bereits die Eröffnungsvorträge machten die technologische Bandbreite der Konferenz deutlich. Prof. Dr. Thomas Kopinski (Gaia Lab) beleuchtete das Potenzial künstlicher Intelligenz für strategische Entscheidungen in Kernspaltung und Kernfusion. Prof. Dr. Walter Neu (Hochschule Emden/Leer) eröffnete mit seinem Vortrag zur Hyperloop-Technologie eine interdisziplinäre Perspektive.
Klaus Nyengaard (Saltfoss Energy) stellte die Entwicklung von Flüssigsalzreaktoren und deren mögliche Anwendung auf schwimmenden Kernkraftwerksplattformen vor. Matthias Maiwald (GASCADE Gastransport) gab Einblicke in den Aufbau des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes.
Eine interaktive Diskussion mit Uwe Stoll und Dr. Tatiana Salnikova (Framatome) zum großflächigen Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel rundete den Auftakt ab. Im Mittelpunkt standen die Stabilität elektrischer Versorgungssysteme und die Auswirkungen auf den Betrieb von Kernkraftwerken.
Rückbau und Abfallbehandlung: Innovationen in der Praxis
Die Session „Decommissioning and Waste Treatment“ widmete sich innovativen Verfahren und praktischen Erfahrungen im kerntechnischen Rückbau.
Sergej Retich (Clean-Lasersysteme) stellte den Einsatz gepulster Hochleistungslaser zur Dekontamination und Entfernung von Beschichtungen vor. Vivien Hein (SPIE SAT) berichtete über die Bergung der sogenannten „Roman Pits“ am Joint Research Centre in Ispra.
Felicia Rådne und Tobias Bergstedt (Uniper) gaben Einblicke in schwedische Rückbauprojekte und das Zusammenspiel von Projektfortschritt und Arbeitssicherheit. Dr. Hans-Georg Willschütz (PreussenElektra) informierte über die abschließende Phase des Rückbaus am Kernkraftwerk Stade.
Young Scientists Workshop: Die nächste Generation im Mittelpunkt
Ein besonderer Schwerpunkt der KERNTec 2026 lag auf der Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der fest in das Konferenzprogramm integrierte Young Scientists Workshop bot dem kerntechnischen Nachwuchs die Gelegenheit, eigene Forschungsarbeiten vorzustellen, mit erfahrenen Fachleuten zu diskutieren und wertvolle Kontakte zu knüpfen.
Die Beiträge deckten ein breites Themenspektrum ab – von thermohydraulischen Simulationen und Werkstoffforschung über Rückbau- und Entsorgungstechnologien bis hin zu maschinellem Lernen und Virtual-Reality-Anwendungen.
Eine Fachjury, bestehend aus Prof. Dr. Jörg Starflinger (Universität Stuttgart), Dr. Helena Möller (GRS), Matthias Daichendt (Cyclife Germany) und Dr. Tobias Jankowski (Ruhr-Universität Bochum), zeichnete zwei herausragende Arbeiten mit den Young Scientists Workshop Awards aus.
Michael Abd El Malek (Universität Stuttgart) wurde für seine Untersuchungen zur Sensitivität und Unsicherheit thermohydraulischer Simulationen ausgezeichnet. Isabela López González (Technische Universität München) erhielt den Preis für ihre Forschungsarbeit zum Einsatz maschinellen Lernens bei der Analyse von Hydriden in Zirkoniumlegierungen.
Der Best Poster Award ging an Anlan Zhou (KIT) für eine Forschungsarbeit zum Einsatz eines neuartigen Magnetfilters zur Reduzierung radioaktiver Rückbauabfälle. Neben der wissenschaftlichen Anerkennung durfte sich der Preisträger über ein LEGO-Set freuen.
Die Auszeichnungen würdigten nicht nur herausragende wissenschaftliche Leistungen, sondern unterstrichen auch die Bedeutung des Nachwuchses für die Zukunft der Kerntechnik.
Kompetenz und Sicherheit: Grundlagen für die Kerntechnik von morgen
Die Session „Competence and Safety“ beleuchtete das Zusammenspiel von Betriebserfahrung, technologischer Innovation, regulatorischen Anforderungen und dem Erhalt kerntechnischer Kompetenzen.
Dr. Abderrahim Al Mazouzi (EDF R&D) gab Einblicke in Laufzeitverlängerungen und Neubauprojekte innerhalb der EDF-Kernkraftwerksflotte sowie in die Arbeit der European Industrial Alliance on Small Modular Reactors.
Joachim Herb (GRS) widmete sich rechtlichen und technischen Regulierungsansätzen für Fusionsanlagen in Deutschland.
Dr. Ulla Engelmann, Direktorin am Joint Research Centre der Europäischen Kommission in Karlsruhe, beleuchtete die Bedeutung von Forschung, Ausbildung und Qualifizierung für den langfristigen Erhalt kerntechnischer Kompetenzen in Europa. Ihr Vortrag „Competence Is Safety“ griff damit einen zentralen Gedanken der gesamten Konferenz auf: Sicherheit braucht nicht nur zuverlässige Technologien, sondern vor allem qualifizierte Menschen.
Zwischen- und Endlagerung: Verantwortung für radioaktive Abfälle
Die Session „Interim and Final Disposal“ beschäftigte sich mit technischen und organisatorischen Herausforderungen der radioaktiven Abfallentsorgung.
Dr. Thomas Hassel (Leibniz Universität Hannover) untersuchte die mögliche Eignung von Transport- und Zwischenlagerbehältern für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle. Dr. Pia Lochner (GNS) beleuchtete die Herausforderungen bei der Behandlung radioaktiver Abfälle auf dem Weg in ein Endlager.
Dr. Maria Fleischer und Tobias Schenk (Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe) stellten Nachweisstrategien für radioaktive Altabfälle zur Einlagerung im Endlager Konrad vor. Christoph Reil (BGE) zeigte Möglichkeiten zur Digitalisierung und Weiterentwicklung der Produktkontrolle auf.
Abschluss-Keynotes: Von der Forschung zur industriellen Umsetzung
Im abschließenden Keynote-Programm standen aktuelle Entwicklungen und praktische Herausforderungen der deutschen Kerntechnik im Mittelpunkt.
Peter Duwe (BGE) berichtete über den Fortschritt und die Herausforderungen beim Bau des Endlagers Konrad. Dr. Frank Jüttemann (GNS) widmete sich der Internationalisierung der CASTOR-Technologie und der weltweiten Bedeutung deutscher Transport- und Lagerlösungen.
Dr. Maik Stuke (BGZ) stellte das Forschungsprogramm zur sicheren langfristigen Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle vor. Dr. Jörg Stinnesbeck (RWE Nuclear) gab anhand des Kernkraftwerks Gundremmingen Einblicke in die Umsetzung und Steuerung groß angelegter Rückbauprojekte.
Die Beiträge verdeutlichten, dass deutsches kerntechnisches Know-how sowohl bei langfristigen nationalen Aufgaben als auch international weiterhin von großer Bedeutung ist.
Mehr als Fachvorträge: Eine Konferenz, die vom Austausch lebt
Neben dem umfangreichen Fachprogramm bot die KERNTec zahlreiche Gelegenheiten zum persönlichen Austausch. Gemeinsame Pausen, die Posterausstellung und das abendliche Get-together mit Dinner, Sundowner-Pitches und Musik schufen Raum für Gespräche, neue Kontakte und mögliche Kooperationen.
Besonders wertvoll war die enge Vernetzung zwischen erfahrenen Fachkräften, jungen Forschenden und Vertreterinnen und Vertretern der Industrie. Die KERNTec zeigte einmal mehr, welchen Beitrag Fachgesellschaften und Kompetenznetzwerke leisten können, um Menschen und Wissen über Organisations- und Fachgrenzen hinweg zusammenzubringen.
Ausblick: Kompetenz gemeinsam weiterentwickeln
Die KERNTec 2026 hat gezeigt, wie vielfältig, innovativ und international vernetzt die Kerntechnik heute ist. Zugleich wurde deutlich, dass technologischer Fortschritt qualifizierte Fachkräfte, wissenschaftlichen Austausch und industrielle Zusammenarbeit braucht.
Ein besonderer Dank gilt unserem Programmkomitee, dessen Engagement die inhaltliche Vielfalt und hohe fachliche Qualität der Konferenz ermöglicht hat, sowie allen Referierenden, Teilnehmenden und Mitwirkenden.
Die KERNTec 2026 hat die Expertise von heute mit den Fachkräften von morgen verbunden und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung kerntechnischer Kompetenz geleistet.
Auch 2027 wird die KERNTec wieder stattfinden. Informationen zu Termin und Veranstaltungsort folgen.