1.–2. Oktober 2026 · Aix-en-Provence und Cadarache, Frankreich

Wie sieht die Energieversorgung der Zukunft aus und welche Rolle kann die Kernfusion dabei spielen? Kaum ein Forschungsprojekt verkörpert diese Frage so eindrucksvoll wie ITER im südfranzösischen Cadarache. Vom 1. bis 2. Oktober 2026 führte die Auslandsexkursion „Innovationstage Energietechnik“ des Arbeitskreises Industrie und Wirtschaft (AIW) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Kooperation mit der Kerntechnischen Gesellschaft (KTG) rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Südfrankreich. Die Reise verband hochkarätigen fachlichen Austausch mit der seltenen Gelegenheit, eines der weltweit bedeutendsten Großforschungsprojekte der Fusionsforschung unmittelbar vor Ort zu erleben.

Das Teilnehmerfeld spiegelte dabei die Brückenfunktion der DPG und KTG wider: Studierende und Promovierende trafen auf erfahrene Fachleute aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Industrie. Gerade dieser Austausch über Karriere- und Institutionsgrenzen hinweg war ein wesentlicher Bestandteil der Exkursion, neben den wissenschaftlichen und technischen Einblicken boten die beiden Tage viel Raum für persönliche Gespräche, neue Kontakte und mögliche Kooperationen.

Tag 1: Südfranzösisches Flair und wissenschaftliche Impulse

Die Exkursion begann am Mittag des 1. Oktober am Bahnhof von Aix-en-Provence. Bei spätsommerlichen Temperaturen nutzte die Gruppe zunächst eine zweistündige Stadtführung, um die historische Altstadt kennenzulernen. Zugleich bot der gemeinsame Auftakt Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen und miteinander ins Gespräch zu kommen, bevor am Nachmittag das fachliche Programm begann.

Am Schuman-Campus der Aix-Marseille Université erwartete die Teilnehmenden im Espace Multimédia eine Reihe englischsprachiger Fachvorträge. Sie beleuchteten die Kernfusion und ihre Einordnung in das Energiesystem aus unterschiedlichen Perspektiven, von der französischen Forschungslandschaft bis hin zum europäischen Energiemarkt.

  • Dr. Yann Camenen (French Research Federation on Magnetic Fusion) eröffnete die Vortragsreihe mit einem Überblick über aktuelle Aktivitäten und Zukunftsperspektiven der magnetischen Fusionsforschung in Frankreich.
  • Dr. Xavier Litaudon (CEA) vertiefte diesen Einblick und stellte strategische Forschungsansätze und Programme der französischen Atomenergiekommission im Bereich der Kernfusion vor.
  • Dr. Nico Vollmer (Alpiq) brachte die Industrieperspektive ein und beleuchtete die Rolle der Kernenergie in einem sich verändernden europäischen Energiemarkt aus Sicht der Schweiz.

Der intensive erste Tag fand seinen Ausklang bei einem gemeinsamen Abendessen im Traditionsrestaurant Le Cintra im Herzen von Aix-en-Provence. Bis in den Abend hinein wurden die Impulse der Vorträge diskutiert, Netzwerke geknüpft und mögliche Kooperationen zwischen Industrie und akademischer Forschung ausgelotet.

Tag 2: ITER – Fusionsforschung im Maßstab eines internationalen Großprojekts

Der zweite Tag stand vollständig im Zeichen von ITER. Am frühen Morgen brachte ein Bus die Reisegruppe von Aix-en-Provence zum ITER-Standort in Cadarache. Dort wurde die DPG-Delegation von Construction Manager Ingo Kühn empfangen.

Die offizielle Begrüßung übernahm Deepti Choubey, Head of ITER Communication. Anschließend führte Richard Pitts, Section Leader Experiments & Plasma Control, die Gruppe fachlich in das Gesamtprojekt und in die Herausforderungen der Plasmakontrolle ein. Zwei weitere Beiträge vertieften zentrale technische Fragestellungen des Anlagenbetriebs:

  • Dr. Uron Krüzi (Project Engineer) erläuterte die Funktionsweise des Disruption Mitigation Systems. Dieses System ist für den Schutz der Anlage vor den Folgen von Plasmainstabilitäten von zentraler Bedeutung.
  • Dr. Axel Winter (Deputy Program Manager) gab Einblicke in die komplexen Systeme zur Betriebs- und Datensteuerung der Anlage (ITER Operation and Data Control).

Nach dem Mittagessen in der ITER-Kantine folgte der Höhepunkt der Exkursion: eine rund eineinhalbstündige Besichtigung der Baustelle. Die Teilnehmenden erhielten die seltene Gelegenheit, die Dimensionen des Tokamak-Komplexes unmittelbar zu erleben und Einblicke in das Zusammenspiel seiner zentralen Komponenten zu gewinnen. Besonders die Größenordnung der supraleitenden Magnetsysteme, des Kryostaten und der Vakuumkammer machte deutlich, welche wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Herausforderungen mit ITER verbunden sind.

Den technischen Rundgang ergänzte am Nachmittag der Vortrag „The Big Nothing – ITER’s Vacuum System“ von Dr. Georg Hulla (Vacuum & Cryopumping Engineer). Er veranschaulichte die außergewöhnlichen Anforderungen an die Vakuum- und Kryopumptechnik und zeigte damit exemplarisch, wie viele hochspezialisierte Technologien für den Betrieb einer Fusionsanlage zusammengeführt werden müssen.

Austausch, Vernetzung und ein gemeinsamer Blick nach vorn

Gegen 18 Uhr erreichte der Bus wieder Aix-en-Provence und damit endete das offizielle Programm. Der Austausch setzte sich jedoch fort: In kleineren Gruppen ließen zahlreiche Teilnehmende den Abend bei einem gemeinsamen Essen ausklingen und nutzten die Gelegenheit, die Eindrücke der vergangenen zwei Tage zu reflektieren.

Die Exkursion machte eindrucksvoll sichtbar, welchen Mehrwert das unmittelbare Erleben von Großforschung bietet. Vorträge und technische Diskussionen vermittelten fachliche Tiefe; der Besuch der ITER-Baustelle gab zugleich ein Gefühl für die Dimension und Komplexität eines internationalen Projekts, das Wissenschaft, Ingenieurwesen und industrielle Wertschöpfung in außergewöhnlichem Maß miteinander verbindet. Ebenso wichtig war der persönliche Austausch zwischen unterschiedlichen Generationen und beruflichen Hintergründen – genau an dieser Schnittstelle versteht sich der AIW als Brücke zwischen Physik und industrieller Praxis.

Ein besonderer Dank gilt allen Referentinnen und Referenten sowie den Verantwortlichen bei ITER und an der Aix-Marseille Université, die mit ihren Beiträgen und ihrer Unterstützung das Programm ermöglicht haben. Ebenso danken wir allen Teilnehmenden für die engagierten Diskussionen und den offenen Austausch.

Die Organisation der Auslandsexkursion lag bei Dr. John Kettler und Jan Wiesenmüller. Durch die intensive Vorbereitung, die Abstimmung mit den Partnern vor Ort und die gemeinsame Organisation der Reise konnte ein anspruchsvolles zweitägiges Programm realisiert werden, das fachliche Impulse, persönliche Begegnungen und einen außergewöhnlichen Einblick in die internationale Fusionsforschung miteinander verband.

Auch im nächsten Jahr soll es wieder eine internationale Exkursion des AIW geben, die gemäß dem Thema des Wissenschaftsjahres 2027 diesmal Unternehmen der Raumfahrtindustrie sowie mit der Raumfahrt verbundene Forschungseinrichtungen besuchen wird. Erste Vorbereitung dazu haben bereits begonnen.

Autor: Dr. John Kettler

Co-Autoren: Dr. Hans-Georg Grothues, Dr. Silke Spitzer, Jan Wiesenmüller

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